Medienguide für Transmenschen

Eine Zeitung interessiert sich für dich? Oder hat dich sogar das Fernsehen um ein Interview gebeten? Hurra! Voller Vorfreude aufs Endprodukt gibst du bereitwillig Auskunft und gewährst den Medienschaffenden Einblick in dein Leben.

Und dann das: Deine Aussagen sind aus dem Zusammenhang gerissen, aus dem 45-minütigen Gespräch flossen gerade einmal drei Sätze in die Reportage ein und im Vertrauen offenbarte Details werden der Öffentlichkeit präsentiert.

Das grosse mediale Interesse an Transpersonen hat Transgender Network Switzerland dazu veranlasst, einen Medienguide für Transmenschen zu erstellen. Darin wird erläutert, was du unbedingt berücksichtigen solltest, bevor du dich zu einem Interview bereit erklärst, wie ein Interview abläuft und welche Rechte du gegenüber Journalist_innen geltend machen darfst. Wenn du selber nicht in den Medien erscheinen möchtest, darfst du die Medienschaffenden gerne an Transgender Network Switzerland verweisen.

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Gut vorbereitet zum Interview
Ein Medienguide für Transpersonen

Transpersonen sind gern gesehene Interviewpartner_innen. Das Publikum interessiert sich brennend für deren Lebensgeschichten, deren Coming-out und in der Regel leider auch für sämtliche intimen Details. Journalist_innen sind darin geschult worden, innert kurzer Zeit einen vertrauenswürdigen Eindruck zu erwecken, weil die Interviewpartner_innen dann mehr von sich preisgeben. Bedenke deshalb: Medienschaffende sind weder Freund_innen, noch Feind_innen! Sie sind Partner_innen.

Grundsätzlich: der Ablauf eines Interviews

Ein Interview läuft immer mehr oder weniger nach dem gleichen Schema ab:

  1. Allgemeine Anfrage, ob du bereit wärst, ein Interview zu geben oder an einem Bericht mitzuwirken
  2. Vorgespräch
  3. Interview
  4. Gegenlesen, gegenhören, gegensehen um die Zitate oder den Text zu genehmigen
  5. Freigabe des Interviews
  6. Zusendung eines Belegexemplars der Zeitung / des Radio- oder Fernsehbeitrags nach der Veröffentlichung

Du entscheidest!

Du kannst frei entscheiden, ob du ein Interview annehmen möchtest oder nicht. Schlecht gelungene Interviews wirken sich für dich und dein Umfeld sehr negativ aus. Sei dir sicher, dass dich die Idee der Journalist_in überzeugt. Sofern du einem Interview zustimmst, solltest du folgende Dinge auf jeden Fall in Erfahrung bringen, bevor du Auskunft gibst:

  • Um welches Medium (TV, Radio, Printmedien) handelt es sich?
  • Wo genau (z.B. NZZ, SRF…) und unter welcher Rubrik (Sport, Leute, Glanz und Gloria…) wird das Interview erscheinen?
  • Welche Themen sollen behandelt werden, worum geht es in dem Beitrag? Warum interessieren sie sich genau für dich? Schickt dir die Journalist_in die Fragen vorab?
  • Wer ausser dir wird noch befragt? Bei welchen Personen hat sich die Journalist_in noch informiert?
  • Wann erscheint der Beitrag (Tag und evt. Zeit)?
  • Wie lange dauert das Interview?
  • Wie lange wird der Beitrag werden?
  • Welcher Teil wird definitiv veröffentlicht? Kannst du mitbestimmen?
  • [TV/Radio] Wo wird aufgenommen (vor welchem Hintergrund)?
  • Kannst du deine Aussagen nochmals gegenprüfen?
  • Lass der Medienschaffenden den TGNS-Sprachguide zukommen und bestehe darauf, dass sich deine Interviewpartner_in mit dem angemessenen Sprachgebrauch im Zusammenhang mit Transthemen vertraut macht.

Bleibe bei der Klärung dieser Fragen im Vorfeld hartnäckig, auch wenn Journalist_innen dies nicht sehr schätzen, weil sie oft unter Zeitdruck arbeiten. Sage nicht zu, wenn du nicht überzeugt bist, dass dabei ein für Transmenschen allgemein hilfreicher Beitrag herauskommt.

Was sage ich, wenn…

Im Rahmen des Vorgesprächs solltest du bereits in Erfahrung bringen, wozu du befragt werden wirst. Überlege dir was du auf die Fragen – insbesondere auf kritische – antworten möchtest.

Sei dir ebenfalls bewusst, welche Fragen du auf keinen Fall beantworten möchtest und übe mit einer Freund_in, wie du dies der Journalist_in freundlich, aber bestimmt vermitteln willst.

Fühlst du dich bei einem Thema nicht sattelfest, verweist du die Journalist_in am besten an TGNS.

Wie erkläre ich…

Rund ums Thema Trans* existieren diverse Begrifflichkeiten, die für Aussenstehende unverständlich sind. Der TGNS-Sprachguide listet diese Begriffe auf und erläutert sie in einem Satz. Daran kannst du dich halten.

Beim Interview

  • Bleib natürlich!
    Unterhalte dich möglichst authentisch mit der Journalist_in.
  • Sprich zur Journalist_in
    [TV/Radio] Wende dich jeweils der Journalist_in zu. Die Kamera und die Technik darfst du getrost ignorieren, darum kümmern sich die Techniker_innen.
  • Rede verständlich!
    Verwende eine transfreundliche Redeweise (mehr dazu im TGNS-Sprachguide). Achte dennoch darauf, dass dir Menschen, die mit dem Trans-Thema nicht vertraut sind, folgen können. Verzichte auf allzu komplexe Fachausdrücke und erläutere besonders wichtige Begriffe.
  • Antworte kurz und prägnant!
    Behandle in einer Antwort ein Thema. Packst du zu viele Aspekte in eine Antwort, wird sie unverständlich.
  • Wahre deine Privatsphäre!
    Gib keine Auskunft, wenn du eine Frage nicht beantworten magst. Das kannst du freundlich, aber bestimmt mitteilen. Fragen zu deiner Intimsphäre, zu Operationen oder privaten Details beantwortest du besser nicht. Journalist_innen werden nochmals nachhaken, aber lass dich davon nicht beirren.
  • Rede nur über Bereiche, in denen du kompetent bist!
    Verzichte darauf, auf spekulative oder heikle Fragen einzugehen. Journalist_innen versuchen ihre Interwiewpartner_innen immer wieder aufs Glatteis zu führen, um spannende Antworten zu erhalten.
  • Beginne von vorn!
    [TV/Radio] Handelt es sich beim Interview um eine Aufzeichnung, kann du eine missglückte Antwort abbrechen und nochmals neu formulieren.

Anonym bleiben

Ein Bericht wird lebendiger, wenn es auch Bilder von dir gibt. Wenn du nicht damit einverstanden bist, dass du erkennbar gezeigt wirst, kannst du auch vorschlagen, dass dein Gesicht nicht sichtbar ist oder du von hinten zu sehen bist. Auch dein echter Name muss nicht genannt werden, wenn du nicht einverstanden bist. Bei Fernsehaufnahmen kann, wenn es für deine Sicherheit wichtig ist, sogar die Stimme verzerrt werden, damit andere dich nicht erkennen. Verlange die Anonymisierung, die für dich richtig und wichtig ist. Lasse dich nicht zu etwas überreden, womit du dich nicht wohl fühlst.

Nach dem Interview

  • Lass dir unmittelbar nach dem Interview zusichern, dass dir die Zitate (im Text eingebettet) rechtzeitig zugestellt werden beziehungsweise dass du die Aussagen anhören / ansehen kannst, sodass Korrekturen noch möglich sind! Wurde etwas falsch dargestellt oder möchtest du etwas anders formuliert haben, nimm direkten Kontakt zur Journalist_in auf und besprich dein Anliegen. Gut ist, wenn du konkrete Änderungsvorschläge machst. Beachte, dass der Text dadurch nicht länger werden sollte.
  • Mach dir klar, dass nicht alles, was du gesagt hast, verwendet wird und dass deine Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen sein können.
  • Über die Texte, die bei der Anmoderation eines Beitrags gesagt werden, oder über den Titel eines gedruckten Beitrags und die ersten Zeilen des Textes (Lead) kannst du in der Regel nicht mitbestimmen. Leider sind genau diese Texte oft besonders reisserisch und gehen manchmal am Thema vorbei. Bitte die Journalist_in, dass du nach Möglichkeit diese Texte auch vor der Ausstrahlung bzw. vor dem Druck sehen kannst.

Notfallszenario

Du bist mit dem Ergebnis des Interviews gar nicht einverstanden? Im schlimmsten Fall hast du das Recht, dein Interview zurückzuziehen.

Bei Fragen kannst du dich jederzeit an Transgender Network Switzerland wenden:

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