Medizin

1. Psychologische Begleitung
2. Allgemeines zur Hormontherapie
3. Allgemeines zu Operationen
4. Möglichkeiten für Transfrauen
5. Möglichkeiten für Transmänner
6. Literatur


Die Medizin bietet heute viele Möglichkeiten, den Körper der Geschlechtsidentität anzugleichen. Was die Transperson davon möchte oder nicht, kann nur diese selbst entscheiden.
Die Informationen zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse finden sich unter Recht.


1. Psychologische Begleitung

Die psychologische Begleitung kann mit unterschiedlichen Zielen erfolgen. Einerseits weil die Krankenkassen diese oft verlangen oder auch die Chirurgen ein Schreiben der Psychiaterin fordern. Anderseits kann es aber auch hilfreich sein, über Probleme und Sorgen mit einer neutralen Person zu sprechen.
Es ist empfehlenswert, den Psychiater oder die Psychotherapeutin sorgfältig auszusuchen. Wichtig ist, dass man sich bei der Person wohlfühlt und nicht unnötig auf seinem Weg behindert wird. Andernfalls sollte ein Wechsel der Psychiaterin oder des Psychologen in Erwägung gezogen werden. Adressen gibt es über fachstelle-zh@transgender-network.ch oder für die Romandie über die Fondation Agnodice.

Alltagstest: Früher mussten Transmenschen, die eine medizinische Geschlechtsangleichung wollten, mindestens ein Jahr in der „Rolle des gewünschten Geschlechts“ gelebt haben. Die heutigen internationalen Richtlinien, die Standards of Care 7. Version der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) und die 2014 publizierten Schweizer Behandlungsempfehlungen für Transmenschen fordern einen solchen Alltagstest nicht mehr.

Siehe auch unter: Psychologie


2. Allgemeines zur Hormontherapie

Die Hormontherapie sollte unter der Aufsicht einer Ärztin stattfinden, welche mit der Behandlung von Transmenschen Erfahrung hat. Dies ist meistens eine Endokrinologin (Hormonspezialistin); es kann aber auch eine Gynäkologin, ein Urologe oder eine erfahrene Hausärztin die Hormone geben und kontrollieren.

Achtung: Wir raten mit Nachdruck davon ab, Hormone ohne ärztliche Kontrolle einzunehmen und Medikamente übers Internet zu besorgen, da folgenschwere Komplikationen auftreten können. Zumindest sollten die Blutwerte jährlich ärztlich kontrolliert werden.

Für Kinder und Jugendliche gibt es die Möglichkeit, mit sogenannten Pubertätsblockern die Pubertät hinauszuschieben. Dadurch treten die unerwünschten körperlichen Veränderungen der Pubertät nicht ein und der oder die Jugendliche gewinnt Zeit, um einen endgültigen Entscheid für oder gegen die Geschlechtsangleichung zu treffen.
Die Wirkungen einer Hormontherapie treten von Mensch zu Mensch sowohl zeitlich wie auch bezüglich Stärke unterschiedlich ein.
Welches Präparat in welcher Dosierung eingenommen wird, muss individuell bestimmt werden, das heisst, was für den einen gut ist, kann für jemand anderen zu viel oder zu wenig sein. Wir empfehlen, dies mit dem behandelnden Arzt zu besprechen.
Hormone werden meist ein Leben lang genommen. Es ist aber möglich, vor allem wenn Eierstöcke bzw. Hoden noch vorhanden sind, die Hormonbehandlung zu unterbrechen oder zu beenden.
Da die meisten Veränderungen nicht schlagartig kommen, kann die Hormondosierung entsprechend dem eigenen Wohlbefinden angepasst werden. Eine medizinische Fachperson sollte dabei immer zu Rate gezogen werden.
Hormone können Nebenwirkungen haben. Meistens ist das vergleichbar mit dem, was Cis-Menschen in der Pubertät oder in den Wechseljahren erleben. Es gibt aber auch seltene und starke Nebenwirkungen. Vor dem Beginn der Hormontherapie sollte man sich daher gut informieren.


3. Allgemeines zu Operationen

Es besteht absolut keine Verpflichtung, Operationen oder überhaupt einen geschlechtsangleichenden Eingriff vornehmen zu lassen. Wichtig ist, sich gründlich und ehrlich zu überlegen, was man selber für sich möchte. Niemand soll sich zu einem Eingriff drängen, aber auch nicht davon abhalten lassen.
Jede Operation birgt Risiken und es kann auch beim besten Arzt zu Komplikationen kommen. Vor allem nach Genitaloperationen ist das häufig der Fall.

Wichtig ist, sich vor einem Entscheid für eine Operation bei verschiedenen Chirurginnen gut zu informieren, nach welcher Technik sie operieren und sich Bilder zeigen lassen von Operationen, die diese selber an Transmenschen mit vergleichbarer Ausgangslage durchgeführt haben. Fragen, die man sich dabei stellen sollte:
Welche Technik kann bei mir angewendet werden und welches Ergebnis kann ich erwarten?
Welche Funktionalität ist mir wichtig und welcher Arzt kann mir dies am ehesten anbieten?
Welches Aussehen ist mir wichtig und welcher Arzt kann mir dies am ehesten anbieten?
Sprechen mich die Fotos von Operationen, die dieser Arzt bereits gemacht hat, an?
Welche Erfahrungen haben andere Transmenschen bei diesem Arzt gemacht?
Kommt für mich auch eine Operation im Ausland in Frage?
Mache ich die Operation, auch wenn mich das zu erwartende Aussehen oder die Funktionalität nicht vollends überzeugt?


4. Möglichkeiten für Transfrauen

4.1 Hormonbehandlung

Das Hormon, das zur Verweiblichung führt, heisst Östrogen. Es kann in Form von Tabletten, Pflaster oder Gel angewendet werden. Üblicherweise nehmen Transfrauen die gleichen Medikamente wie Cis-Frauen in den Wechseljahren. Oft werden gerade zu Beginn zusätzlich zum Östrogen sogenannte Testosteronblocker verschrieben.

Die Veränderungen durch die Hormone sind individuell sehr verschieden. Transfrauen, die bereits die männliche Pubertät durchlaufen haben, werden leider einige Veränderungen davon nicht rückgängig machen können. Vor allem Körpergrösse und Breite von Schultern, Händen etc. bleiben.

Durch das Hormon verändert sich die Haut; sie wird weicher. Die Gesichtszüge werden gleichfalls sanfter, oftmals aber nicht genügend, um klar als Frau erkannt zu werden. Muskelmasse und Kraft nehmen ab, die Fettverteilung wird weiblicher.
Die Körperbehaarung kann sich etwas reduzieren, der Bart bleibt aber sichtbar. Schütteres Kopfhaar wird nicht wieder voller.
Durch das Östrogen wachsen die Brüste; bei einigen mehr, bei andern weniger. Das dauert aber meistens mehrere Jahre.
Sowohl die Libido als auch (spontane) Erektionen nehmen ab. Die Hoden werden kleiner und produzieren weniger Spermien.
Keinen Einfluss hat die Hormonbehandlung auf die Stimmhöhe.

Es ist jedoch zu beachten, dass alle diese Veränderungen individuell sehr verschieden sein können und nicht zwingend bei allen Transfrauen vollumfänglich eintreten.

4.2 Operationen und weitere Massnahmen

Brustvergrösserung: Wenn die Brust nicht bereits durch die Hormone die gewünschte Grösse erreicht hat, besteht die Möglichkeit, diese mit Implantaten zu vergrössern. Es ist wichtig, mit der Chirurgin zu besprechen, welche Vorstellungen bezüglich des Resultats bestehen und welche Technik und Implantate verwendet werden. Bei den Implantaten ist zu bedenken, dass sie nach einigen Jahren ausgewechselt werden sollten.

Genitaloperationen: Hoden und Penis können operativ entfernt werden. Aus deren Haut werden Neo-Vagina, Klitoris sowie äussere und manchmal auch innere Schamlippen geformt. In den meisten Fällen bleiben die Sensibilität und die Orgasmusfähigkeit erhalten. Möglich ist aber zum Beispiel auch, nur die Hoden zu entfernen. Die Genitaloperation ist sehr heikel und es lohnt sich, dafür einen Chirurgen mit viel Erfahrung auszuwählen, eventuell auch den Eingriff im Ausland vornehmen zu lassen.

Epilation: Je nach Haarfarbe werden Barthaare mit Laser- oder Nadelepilation entfernt. Dies braucht mehrere Sitzungen bei einer Fachperson, einer Dermatologin oder einem Kosmetiker. Achtung: Die Krankenkasse zahlt keine Behandlung beim Kosmetiker.

Stimme: Eine weiblichere Stimme kann entweder durch eine operative Stimmbandverkürzung oder durch logopädisches Training angestrebt werden.
Logopädie: Logopädie ist das Training der Stimme, um höher und weiblicher sprechen zu können. Neben den Stunden bei der Logopädin braucht dies auch zu Hause viel Training. Manche Transfrau erreicht so aber nahezu die Stimmhöhe von Cis-Frauen.
Stimmbandverkürzung: Um eine höhere Stimme zu bekommen, können die Stimmbänder operativ verkürzt werden. Die Resultate sind auch da unterschiedlich gut.

Verweiblichende Operationen im Gesicht (facial feminization surgery): Darunter versteht man verschiedene Techniken, die dazu dienen, das Gesicht weiblicher aussehen zu lassen, v. a. durch Veränderungen der Gesichtsknochen wie Kinn und Wangenknochen. Diese Operationen werden v. a. im Ausland (USA, Thailand, aber auch Europa) angeboten.

Adamsapfel: Durch Abschleifen kann ein hervorstehender Adamsapfel verkleinert werden.

Kopfhaar: Ausgefallenes Kopfhaar kann durch die Transplantation von Haar ersetzt werden. Bei Perücken lohnt sich eine gute Beratung und eine gute, natürlich wirkende Qualität. Achtung: Perücken werden von der Krankenkasse nicht übernommen. Möglich aber ist eine Kostenübernahme durch die IV.


5. Möglichkeiten für Transmänner

5.1 Hormonbehandlung für Transmänner

Das Hormon, das zur Vermännlichung führt, ist das Testosteron. Testosteron gibt es als Gel zum Auftragen auf die Haut oder als Spritze. Testosterongel trägt man täglich selbst auf. Gespritzt werden in der Schweiz vor allem zwei Präparate: Testoviron ca. alle 3 Wochen, Nebido alle 3 Monate. Es ist individuell verschieden, mit welchem Präparat man am besten zurechtkommt.
In der Regel genügt das Testosteron. Wenn nicht – insbesondere wenn auch nach mehreren Monaten die Menstruation nicht aufhört – können zusätzlich Blocker eingesetzt werden.

Durch das Testosteron wird ein eindeutig männliches Äusseres erreicht. Die Körperbehaarung nimmt zu und es wächst ein Bart. Der Körper wird muskulöser, Gesicht und Körper werden insgesamt männlicher. Auch die Haut verändert sich, sie wird gröber. Die Stimme wird tiefer (Stimmbruch). Die Menstruation bleibt meist nach wenigen Monaten aus. Die Klitoris wächst um ein paar wenige Zentimeter. Diese Effekte sind entscheidend: Nach ca. 1–2 Jahren Testosteron werden Transmänner klar als Männer erkannt.
Im ersten Jahr sind Akne (Pickel), vermehrtes Schwitzen, Wassereinlagerungen und Muskelschmerzen häufig. Bartwuchs und Körperbehaarung werden im Laufe der Jahre immer stärker. Nach einigen Jahren Testosteron müssen auch Transmänner mit Haarausfall und je nach familiärer Vorbelastung mit Glatzenbildung rechnen. Viele Transmänner berichten über einen grösseren Sexualtrieb, einige auch über emotionale Veränderungen, z. B. weniger weinen zu können.
Die häufig geäusserte Befürchtung, dass Testosteron an weiblichen Geschlechtsorganen Krebs auslösen kann, ist bis heute nicht erwiesen. Regelmässige Vorsorgeuntersuchungen sollten für Transmänner dennoch genauso selbstverständlich sein wie für Cis-Frauen.

Man muss jedoch beachten, dass alle diese Veränderungen individuell sehr verschieden sein können und nicht zwingend bei allen Transmännern vollumfänglich eintreten.

5.2 Operationen

Brust-OP (Mastektomie): Die weiblichen Brüste können operativ entfernt und gleichzeitig eine männliche Brust geformt werden. Bei grösseren Brüsten bleiben sichtbare Narben über den Oberkörper. Bei kleineren, bis ca. Körbchengrösse B, genügt meist ein kleiner Schnitt auf der Brustwarze, den man nicht sieht. Es besteht immer das Risiko, dass man der Brust ansieht, dass sie operiert wurde, v. a. bei voluminöseren Ausgangslagen.

Entfernung der Gebärmutter und Eierstöcke (Hysterektomie und Ovarektomie): Diese verläuft gleich wie bei Cis-Frauen und braucht nicht von einem auf Operation an Transmännern spezialisierten Arzt gemacht zu werden.

Der „kleine Aufbau“ (Klitorispenoid, Metoidioplastik) und der „grosse Aufbau“ (Phalloplastik, Penoidaufbau): Beim Klitorispenoid wird die durch das Testosteron gewachsene Klitoris chirurgisch freigelegt, so dass sie sichtbarer und beweglicher wird. Die Harnröhre kann durch den Klitorispenoid gelegt werden. Für manche ist damit das Pinkeln im Stehen möglich. In der Regel wird gleichzeitig die Scheide entfernt und verschlossen.
Um den grossen Aufbau zu formen, wird Haut von einer anderen Stelle am Körper, oft vom Unterarm, genommen. Dieser Penoid wird an einen vorhandenen Nerv (meist Leiste oder Klitoris) angeschlossen, so dass nach einiger Zeit die Sensibilität zurückkehrt. Die Basis des Penoids ist die Klitoris, wodurch die Orgasmusfähigkeit erhalten bleiben sollte. Penetration wird ermöglicht durch eine Pumpe, die den Aufbau auf Knopfdruck versteift.
Bei beiden Aufbauvarianten können Implantate in die grossen Schamlippen eingesetzt werden, sodass Hoden entstehen.
Vor allem der grosse Aufbau ist eine äusserst heikle Operation, die in der Schweiz nur ganz wenige Ärzte beherrschen. Nicht wenige Patienten haben Komplikationen und müssen mehrmals nachoperiert werden. Das Aussehen weicht bis heute vom Penis eines Cis-Mannes ab.


6. Literatur

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